30. Juni 2017

TV-Review: „Preacher“ Staffel 2, Folge 1 – „On The Road“

30. Juni 2017, von Johannes Klan

Mit dem Staffelauftakt „On the Road“ nimmt „Preacher“ wortwörtlich Fahrt auf. Als kleine Erinnerung: Im Finale der ersten Staffel, wurde das Städtchen Annville, in dem die Handlung bis dahin angesiedelt war, mitsamt seiner Einwohner gewissermaßen pulverisiert, kurz nachdem sich das Trio um Jesse Custer, Tulip O’Hare und Cassidy auf die Suche nach Gott machte.

„I love a car chase.“

Und genau an dieser Stelle geht es nun weiter. Wir steigen ein mit einem der clever geschriebenen und herrlich abgedrehten Gespräche zwischen Jesse und seinen beiden Freunden und auch wenn es den Handlungsort der vergangenen Folgen und die bisherigen Nebencharaktere nicht mehr gibt, wird klar, dass die Serie nichts an ihren charakteristischen Zügen eingebüßt hat.
Was jedoch schnell deutlich wird: Die Zeiten einer standortgebundenen Handlung sind vorbei. Jetzt geht es offenbar quer durch die USA. Schon in den ersten fünf Minuten kommt es zur ersten Verfolgungsjagd mit der Polizei, zur urkomischen Einlage des Songs „Come on Eileen“ und zum Einsatz von Jesses stetigen Begleiter Genesis. Dank eines leeren Tanks konfrontieren die Verfolger nämlich das flüchtende Trio und der Preacher kann sowohl seiner Freundin als auch uns Zuschauern noch einmal auf die Sprünge helfen, worin Genesis Macht besteht. Auch dabei wird natürlich keiner – im besten Sinne des Wortes – Geschmacklosigkeit aus dem Weg gegangen. Händchenhaltende Officer laden zum Schmunzeln ein, im Gegensatz zum Sheriff, der sich Pfefferspray auf seine Genitalien sprüht. Letztendlich spielt das kaum noch eine Rolle für die Gesetzeshüter, denn der (wahrscheinliche) Big Bad der Staffel tritt auf.
War der Butcher of Gettysburg im letzten Staffelfinale ja von Engel Fiore aus der Hölle geholt und zum Liquidieren von Jesse beauftragt worden, geht er dieser Aufgabe nun unbarmherzig nach und die anwesenden Polizisten finden schnell ihr Ende. Auch hier zeigt sich wieder eines der markanten Merkmale der Serie: ungefilterte Brutalität und schwarzer Humor. So ist es gleichsam anwidernd und spaßig mit anzusehen, wie die Officer förmlich auseinanderfliegen. Besonders Cassidys Versuch unter einem rollenden Auto Sonnenschutz zu finden, weiß im Chaos des Feuergefechts immer wieder zu amüsieren, auch wenn dabei der Kopf eines Polizisten wortwörtlich unter die Räder kommt.
Und auch wenn wir Tulips Benzinabsaugen durch die Gedärme eines weiteren Officers nicht direkt zu Gesicht bekommen, ist die Art und Weise der Implikation anschaulich genug, um einem abermals ein Gefühl von „so etwas habe ich definitiv noch nie irgendwo gesehen“ zu geben. Dank Tulips Handeln entkommen sie, Jesse und Cassidy dem Butcher aber noch und innerhalb dieser ersten zehn Minuten haben die kreativen Köpfe der Serie und Regisseure der Folge alles wegweisende etabliert. Man versichert uns, dass sich der abgedrehte Ton der Serie nicht verändert hat, wer der große Gegenspieler sein wird, wohin die Reise buchstäblich geht und wie sich unsere Hauptfiguren charakterisieren. Großes Lob an Evan Goldberg und Seth Rogen an dieser Stelle, die einen gelungenen, runden Einstieg in die neue Staffel geben und mich daran erinnern, warum ich die erste Staffel Preacher schon sehr genossen und der zweiten entgegen geblickt habe.

„…Just to post something on Instagram“

Ein wenig Ruhe kehrt nun im zweiten Drittel der Folge ein, in dem unsere Protagonisten auf der Suche nach Gott einen ersten Stop bei einem alten Freund Jesses machen. Von Mike, den Jesse als Religionswissenschaftler vorstellt, erhofft man sich Indizien oder Vorschläge wo nach Gott zu suchen sei. Hier werfen uns Goldberg und Rogen einen wunderschönen Curveball zu, der meine anfängliche Abscheu gegenüber Mike in ein herzliches Lachen verkehrt hat. Denn wie sich erst nach und nach herausstellt, ist das im Käfig eingesperrte Mädchen in seiner Garage keine Sexsklavin oder ähnliches, sondern aus freien Stücken dort, um sich mit Hilfe der radikalen Methoden Mikes von ihrer Telefonsucht zu befreien. Ihr betteln um ein Telefon ist also plötzlich kein Schrei nach Freiheit mehr, sondern nur ihr Drang zum nächsten „Instagram“-Schuss. Erneut touché meine Herren Regisseure, touché!

Doch machen sich hier auch ein paar Kleinigkeiten bemerkbar. Eröffnet die ruhigere Atmosphäre Genesis, die Suche nach Gott und vor allem natürlich die inner- und zwischenmenschlichen Beziehungen und Konflikte zu thematisieren, fällt der Spannungsbogen doch ein wenig ab. Da können auch Cassidys Auflockerungen und Gags wenig dran ändern. Nicht dass dieser Teil zugunsten von mehr Action gekürzt werden sollte. Der Übergang von einem zum anderen erfolgt lediglich etwas unorganisch und mit etwas ausgewogeneren Expositions-, Charakterentwicklungs- und Entertainmenteinlagen, ließe sich der Spannungsbogen sicher aufrecht erhalten. So sind es nur die witzigen Momente, die in diesem Teil der Episode wirklich Eindruck hinterlassen haben, was schade ist, da es durchaus interessante und aller Wahrscheinlichkeit nach wichtige Dialoge mitzuerleben gab.

„She was pale as a ghost.“

Nachdem Mike sich von Jesse bzw. Genesis überzeugen lässt, gibt er schließlich hilfreiche Informationen Preis. Ein wenig seltsam erscheint es schon, dass er sich so lange darum hat bitten lassen, zumal ihm die „kreidebleiche“ Frau, die vorgab, Gott getroffen zu haben, offenbar im Gedächtnis geblieben ist. Zwar wird versucht, Mikes Zurückhaltung mit der suchtkranken Vorgeschichte von Tammy zu begründen, wirklich überzeugen kann das aber nicht. Umso unwahrscheinlicher wird dies, da Mike sich nach Abreise des Trios auf die Ankunft des Butchers bzw. nun Saint of Killers einstellt und weiß, was zu tun ist – nämlich sich selbst zu richten, bevor Informationen aus ihm herausgeholt werden könnten. Er weiß, welche Höllenkreatur auf Jesses Fersen ist und welche Fähigkeiten diese an den Tag legt, aber eine Frau, die verstört und todernst von ihrer Begegnung mit Gott berichtet, erschien ihm völlig abwegig, bis er von Gottes Verschwinden erfuhr? Ich denke eher nicht. Im Endeffekt lassen Ungereimtheiten wie diese den kleinen Ausflug zu Mike als storytreibendes Mittel erscheinen und nicht als eigentändigen Handlungspunkt.

Aber was gelingt, ist das Bild des Saint of Killers weiter zu formen, und das ohne, dass er viel mehr macht als aufzutauchen. Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um einen unheimlichen und unaufhaltsamen, Terminator-ähnlichen Jäger. Es wird interessant, ob er dieser Reputation im Laufe der Staffel gerecht werden kann.

„He came for the Jazz.“

Wie wir im letzten Teil der Folge feststellen, ist die gesuchte Tammy Besitzerin eines Stripclubs, und auch wenn sie im Gespräch mit Jesse und Tulip nicht allzu hilfsbereit ist, bestätigt sie doch ihre Begegnung mit dem Allmächtigen und seinen Aufenthalt in ihrem Etablissement. Doch während die beiden Protagonisten noch über das Für und Wider der Richtigkeit eines Einsatzes von Genesis debattieren, eskaliert ein Streit Cassidys mit einem Securityguard in einem angrenzenden Raum und nachdem sich ein Schuss löst, stirbt Tammy dank der verirrten Kugel vor Jesses Augen. Besondere Komik entsteht durch die stumme Darstellung des Kampfes auf Sicherheitskameramonitoren im Hintergrund des Geschehens. Wieder eine kreative Umsetzung von fast schon Slapstickhumor, die Goldberg und Rogen hier gelungen ist.

Mit ihren letzten Worten offenbart Tammy noch, dass sich Gott wegen der Jazzmusik in ihrem Club aufgehalten hat und unsere Protagonisten lassen sich vorerst in einem Motel nieder. Das abrupt beendete Gespräch schiebt Jesse auf Cassidys Eskapade mit dem Wachmann und die Stimmung spannt sich an. Gepaart mit Cassidys schlechtem Gewissen über seinen Hook-Up mit Tulip in Staffel eins ist wohl davon auszugehen, dass es in kommenden Folgen noch einmal zur Aussprache bzw. zum Ausfall zwischen den Freunden kommen wird.

Jesse und Tulip hingegen haben in der Nacht sichtlich Spaß und zeigen, was für kaputte, aber zueinander passende Partner sie sind. Schließlich beinhaltet Tulips Vorstellung eines gelungenen Liebesspiels, dass sie sich im Badezimmer einschließt und Jesse die Tür mit bloßen Fäusten aufbricht.

Außer Kräften, aber unfähig zu schlafen, begibt sich Jesse zum Abschluss der Folge für eine Zigarette alleine auf die Straße vor dem Motel, wo ihm der Saint of Killers entgegenkommt, er sich von Genesis Kräften unbeeinflusst zeigt und seine Waffe zieht.

Und Cliffhanger! Der Staffelauftakt erweist sich nämlich als Zweiteiler, der mit „Mumbai Sky Tower“ zu Ende gehen wird.

Fazit:

Alles in allem gefiel mir „On The Road“ gut, wobei es Verbesserungspotential gab. Besonders Anfang und Ende konnten als wunderbare Inszenierungen überzeugen. Lediglich die ruhigen Momente sollten noch etwas natürlicher in den Verlauf der Folge eingehen und das Pacing nicht verlieren. Dass mir aus dem Mittelteil der Folge fast nur die witzigen Momente in Erinnerung geblieben sind, ist wahrscheinlich kein allzu gutes Zeichen. Doch wie auch schon in Staffel eins machen vor allem Dominic Cooper als Jesse, Ruth Negga als Tulip und Joseph Gilgun als Cassidy, wie auch der einzigartige Ton irgendwo zwischen Action, Comedy, Horror und Fantasy die Episode zur gelungenen Unterhaltung. Dazu macht die Verlagerung der Geschichte auf die Straße Hoffnung auf stetig neue, interessante Kulissen und Charaktere und insgesamt Lust auf mehr. In dieser ersten Folge der zweiten Staffel gelang genau dies jedenfalls sehr gut.

Wenn „Preacher“ jetzt so nachlegen kann, wird es seinen Status als einzigartige TV-Comicadaption jedenfalls festigen können. Bleibt also in Ehren Steve Dillons, dem 2016 verstorbenen „Preacher“-Comicschöpfer, nur noch zu sagen, womit auch „On The Road“ endete: „For Steve“.

Wertung: 7.5/10 – unterhaltsamer Wiedereinstieg mit Luft nach oben

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