31. Mai 2017

„Marvel’s The Defenders“ – Der Weg der „Netflix-Avengers“

31. Mai 2017, von Johannes Klan

Wie steht es um das Heldencrossover nach „Iron Fist“?

Von der großen zur kleinen Leinwand

Seit das Marvel Cinematic Universe 2008 mit „Iron Man“ einen fulminanten Start hinlegte, rollte es bislang unaufhaltsam vorwärts. Sicher, einige Projekte wie „Guardians of the Galaxy“ oder „The Avengers“ gelten im Vergleich zu anderen allgemein hin als besser und von Kritikern und Fans gelobt. Doch selbst die „schlechtesten“ Mitglieder des umfassenden, Disney-eigenen Comicuniversums riefen immer noch durchaus vertretbare und ansehnliche Resonanz hervor.

Das war bisher die Marvelgarantie! Egal wie das Endprodukt schlussendlich werden würde: Für Zuschauer auf Kritiker- und auf Fanseite würde der nächste Neuzugang im MCU wenigstens okay werden, wenn nicht sogar gut oder großartig.

Und jedes weitere Machwerk aus der Marvel-Filmschmiede hatte diese Annahme bisher untermauert, egal wie verrückt die Prämisse war. Sogar „Guardians of the Galaxy“ wurde 2014 von allen Seiten hoch gelobt (und mit 773.000.000 $ an den weltweiten Kinokassen entlohnt), obwohl es sich dabei um eine für selbst in Comicbuch-Kreisen eher unbekannte Gruppe an Charakteren handelte. Comicbook-Adaptionen haben in den letzten 10-15 Jahren eben ihren Nischenstatus verloren und sind zu Fundamenten der Popkultur geworden, die bei einer großen Masse Anklang finden.

Und schlussendlich wirkte sich dieser Wandel nicht nur auf die Kinowelt aus, sondern auch auf die des Fernsehens. Anders als bei CWs DC-Serien „Arrow“, „Flash“, „Supergirl“ und „Legends of Tomorrow“, die in ihrem eigenen Serienuniversum spielen, entschied sich Marvel 2013, mit „Agents of Shield“ ihr Leinwanduniversum auf den heimischen Bildschirm auszuweiten. Neben diesem TV-Spin-Off des MCUs folgten in den letzten Jahren dann „Agent Carter“ und die Marvel-Serien des VoD-Dienstes Netflix. „Daredevil“, „Jessica Jones“, „Luke Cage“ und ganz frisch auch „Iron Fist“ stellen allerdings einen kuriosen Fall des MCUs dar.

Ein Universum – Viele Welten

MCU-Mastermind und Produzent Kevin Feige machte auf Nachfrage immer wieder deutlich, dass sein früherer Kollege Isaac Perlmutter seit 2015 nicht mehr an der Gestaltung der Filme beteiligt sei und stattdessen alleine die Marvel-TV-Abteilung beaufsichtige. Durch diese studiointerne Trennung erscheint bspw. ein Integrieren der Netflix-Charaktere im nächsten „Avengers“-Film sehr unwahrscheinlich. Und de facto hat bisher noch keiner der Filme auch nur einen einzigen Handlungsstrang aus irgendeiner der Serien erwähnt, geschweige denn thematisiert, wohingegen die TV-Seite durch kleine Easter-Eggs in Form von bekannten Namen (bspw. Stark) und Ereignissen (der Chitauri-Angriff aus „The Avengers“) oder sogar durch Auftritte von Nebenfiguren (Lady Sif in „Agents of Shield“) immer wieder die Nähe der Kinoabenteuer suchte. Alles in allem nicht, was man eine gleichberechtigte Beziehung auf Augenhöhe nennen würde.

Doch gerade die bisherigen vier Netflix-Serien vermitteln das Gefühl, sie hätten diese Situation nicht nur von Beginn an akzeptiert, sondern auch zu ihrem Vorteil genutzt. Schließlich ermöglicht die Distanzierung vom MCU auch eine thematische und tonale Neuorientierung. Dinge, die man in den familienfreundlichen Filmen so nicht zu sehen bekommt, für die es aber durchaus ein Publikum gibt, erhalten so auch eine Bühne. Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich ja bekanntlich eine andere.

Daredevil – It’s great now!

Und durch diese Tür sind Perlmutter und Co. selbstbewusst und beherzt geschritten. Davon zeugen der zu den Filmen stark in Kontrast stehende düstere Ton, die angemessene Thematisierung von „erwachsenen“ Themen, wie Missbrauch und Rassismus und nicht zuletzt auch die explizite Darstellung von roher, oftmals blutiger Gewalt in den Netflix-Serien.

Die erste Staffel von „Marvel’s Daredevil“ wurde am 10. April 2015 auf Netflix veröffentlicht und konnte bei vielen Zuschauern (mir inbegriffen) schon mit der ersten Folge etablieren, dass es sich hier um ein sehr anderes Marvelprojekt handelte, welches bis auf einige wenige Referenzen zum „Incident“ (dem Chitauri-Angriff auf New York aus „The Avengers“) nur noch wenig mit Marvels Kinoabenteuern zu tun hatte.

Achja. Im selben Atemzug wurde die Heldenfigur von Daredevil nach dem Filmdesaster von 2003 wieder rehabilitiert. Finally!

Atemberaubende Martial-Arts-Action, jede Menge Blut und gebrochene Knochen, Sex, Drogen- und Menschenhandel, philosophische Ansätze über das moralische Für und Wider von Selbstjustiz, und im Zentrum ein „Superheld“ – fantastisch gespielt von Charlie Cox – der nicht davor zurückscheut, einen Kontrahenten vom Dach direkt ins Koma zu werfen. Und dazu ein einschüchternder, mehrdimensionaler Antagonist – Vincent D’Onofrios King Pin – (der russische Geschäftspartner auch gerne einmal mit der Autotür einen Kopf kürzer macht), wie er in den Marvelfilmen seinesgleichen sucht. Kurzum: „Marvel’s Daredevil“ schlug ein wie eine Bombe und konnte besonders Marvelfans begeistern, die eine düster-ernste Inszenierung des Comicmaterials bisher vermisst hatten. Nur verständlich das schnellstmöglich eine zweite Staffel bestellt wurde.

Und noch etwas war nach „Daredevils“ Erfolg in aller Munde: Der Teufel von Hells Kitchen würde nicht der einzige Superheld New Yorks bleiben. Zwar würden keine Marvelhelden von Kinoformat vorbeischauen. Jedoch plante Marvel Television scheinbar schon von Anfang an noch drei weitere Serien für Netflix, die jeweils einen neuen Helden etablieren sollten. Schlussendlich würden diese vier „streetlevel“ Helden in ihrem eigenen Special aufeinandertreffen und das „Shared Universe“ der Netflixserien zu einem ersten Höhepunkt bringen. „Marvel’s The Defenders“ sollte Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist zusammenbringen, wie es „The Avengers“ 2012 mit Captain America, Iron Man, Hulk und Thor tat.

Facettenreich! – Und jetzt?

Verwunderlich ist diese Herangehensweise nicht, schaut man sich einmal den Entstehungszeitraum an. Im Oktober 2013 kamen die ersten Nachrichten an die Öffentlichkeit, für Netflix sei eine Reihe von Serien geplant, die in „The Defenders“ münden sollten. Ein Jahr zuvor hatte der wahnwitzige (vor allem finanzielle) Erfolg von „The Avengers“ signalisiert, dass in „Shared Universes“ und dem Kombinieren von mehreren Helden das Interesse der Zuschauer liegt.

Und der große Erfolg von „Marvel’s Daredevil“ bei Kritikern und Fans 2015 gab dem geplanten Netflix-Universum einen nicht unerheblichen Aufwind. Die Zuschauer schauten nun drei weiteren Serien dieser Art entgegen, die sich essentiell von den MCU-Filmen unterscheiden würden.
Und schon im November 2015 ging es weiter mit „Marvel’s Jessica Jones“ und abermals war die Reaktion groß. Mit Jessica Jones, der von ihren Fehlern und ihrer Vergangenheit verfolgten und von Krysten Ritter großartig dargestellten Antiheldin, einem atmosphärischen Neo-Noir-Ton, David Tennants Purple Man und damit einem weiteren markerschütternden und komplexen Antagonisten, und nicht zuletzt einem thematischen Abtauchen in die finsteren Aspekte von Misshandlung und Vergewaltigung, besonders an Frauen, war die Serie nicht nur grundlegend anders als die Kinofilme; Sie unterschied sich tonal auch vom eher Action/Drama-zentrierten „Daredevil“. Zeigten sich Teile der Fangemeinde stutzig angesichts der unerwarteten Richtung, war der Großteil der Zuschauer und Kritiker doch abermals positiv gestimmt.

Aber obwohl mit der zweiten erfolgreichen Netflix-Marvelserie die Hoffnungen und Erwartungen an das große „Defenders“-Crossover stiegen, ergab sich langsam eine zentrale Frage, die die „streetlevel“-Helden seither begleitet: Können vier tonal sehr unterschiedliche Serien am Ende in einem zufriedenstellenden Crossover zusammengeführt werden?

Denn nachdem „Daredevil“ sich als hartes Action-Drama etabliert hatte und „Jessica Jones“ sich eher als Neo-Noir/Detective-Drama verstand, waren „Luke Cage“ und „Iron Fist“ als Blaxploitation-Drama bzw. als Mystery-Martial-Arts Serien angedacht. Wie sollen vier Helden mit sehr eigenen Genreausrichtungen in einer Serie zusammengeführt werden, ohne dass eine der Hauptfiguren seine/ihre charakteristische Darstellung einbüßen würde?

Hinter der Kamera ist vor der Kamera…

Und nicht nur die tonalen Unterschiede machten sich seitdem in allen Serien bemerkbar. Auch die unterschiedlichen Show-Runner und Writer haben ihre Spuren hinterlassen.

Am 18. März 2016 erschien die 2. Staffel „Daredevil“ und Doug Petrie und Marco Ramirez übernahmen die Showrunnerposition von Steven S. DeKnight. Die beiden neuen kreativen Köpfe in der Verantwortung bauten auf der hervorragenden ersten Staffel auf und weiteten die Welt um Matt Murdock geschickt aus. Mit „The Hand“ kam eine der größten antagonistischen Geheimorganisationen der „Daredevil“-Comics nach Hells Kitchen, Élodie Yung verkörperte gekonnt die eng mit der „Hand“ verknüpfte Elektra Natchios und Jon Bernthals Punisher war ein dermaßen großer Erfolg, dass Netflix seine eigene Spin-Off-Serie „The Punisher“ bestellte. Erneut standen philosophische Fragen über Selbstjustiz und den Wert einen Menschenlebens im Zentrum der Staffel, begleitet und eingebettet in bemerkenswertes Schauspiel der Neuzugänge und der Season-1-Rückkehrer, atemberaubende Actionsequenzen, messerscharfe Dialoge und vereinzelnde Gastauftritte, die so langsam personelle Verbindungen zu den anderen „Defenders“ vorbereiten sollten.
Unterm Strich beeindruckt die zweite Staffel mit den vielen überzeugend umgesetzten „Baustellen“. Während die Geschichte um Matt und seine Freunde aus der ersten Staffel clever fortgeführt wurde, funktionierte diese Staffel auch als effektvolle Originstory des Punishers und als tragende Etablierung von Elektra und der „Hand“. Ich für meinen Teil empfand die zweite Staffel „Daredevil“ verglichen mit der sehr guten ersten sogar als noch besser. Lediglich in den letzten zwei bis drei Folgen gibt es meiner Meinung nach ein paar geringfügige Pacing-Probleme.

Nicht mal einen Monat nach der Veröffentlichung der zweiten Staffel wurden die „Daredevil“-Show-Runner Petrie und Ramirez auch zur Inszenierung der „Defenders“ verpflichtet, was allgemeine Hoffnungen für das Crossover schürte.

…for better or worse!

Doch haben sich die Erwartungen seitdem deutlich verändert, denn die Rezeption von „Luke Cage“ und „Iron Fist“ fielen deutlich durchwachsener aus als noch bei den ersten beiden Serien.

Am 30. September letzten Jahres folgte die Soloserie zu „Luke Cage“, deren Hauptcharakter auch hier wie schon in „Jessica Jones“ charismatisch und überzeugend von Mike Colter gespielt wurde. Wie die vorherigen Serien suchte auch „Luke Cage“ seinen eigenen Ton und siedelte seine Handlung in Harlem an. So ist die Serie gespickt von afroamerikanischer Geschichte, Kultur und Musik und spielt auf eine eigene Art und Weise mit Themen wie Rassismus und Vorurteilen, aber auch Gemeinschaft. Auch hier findet sich neben der Hauptrolle ein Cast hervorragender Schauspieler zusammen, allen voran der geniale Mahershala Ali, der dieses Jahr mit einem Oscar als bester Nebendarsteller in „Moonlight“ ausgezeichnet wurde und einen der Antagonisten – Cornell „Cottonmouth“ Stokes – verkörpert. Aber auch Simone Missick als Misty Knight und Alfre Woodard als Mariah Dillard machten eine großartige Figur und ich für meinen Teil hoffe, sie bald wieder im Marveluniversum zu sehen. Dazu ein kreativer Einsatz von Hip-Hop, aber auch Funk (traditionell afroamerikanische Musikstile) und ein weiteres Serienhighlight ist geschaffen, oder?

Leider offenbarte die zweite Hälfte der Staffel massive Probleme, besonders auf Seiten des Skripts und der Inszenierung. Der Fokus der immer hanebüchener werdenden Story ging vielfach verloren, ein weiterer, sehr überzogen inszenierter Antagonist wurde eingeführt und das bis dahin sehr gelungene Pacing der Serie ging den Bach hinunter. Am Ende war „Luke Cage“ ein gelungenes Beispiel für einen grandiosen Start und eine miserable Landung.

Mit Blick auf die „Defenders“ waren aber wenigstens die zentralen Figuren gut eingeführt und man konnte hoffen, dass diese in den Händen der „Daredevil“-Season-2-Show-Runner besser genutzt werden würden. Ähnlich wie bereits bei „Jessica Jones“ stellt sich aber die Frage, wie gerade der charakteristische „Blaxploitation“-Ton der Serie in „The Defenders“ aufgenommen werden kann.

Doch das wirkliche Sorgenkind sollte erst noch kommen.

Das schwarze Schaf

Nach „Luke Cage“ stand für den 17. März 2017 nun noch eine letzte Serie aus, bis die „Defenders“ zusammentreffen würden: „Iron Fist“. Schon früh wurde bekannt, dass der aus „Game of Thrones“ bekannte Schauspieler Finn Jones (Loras Tyrell) die Rolle des Hauptcharakters Danny Rand/Iron Fist übernehmen würde. Die Trailer waren durchschnittlich, jedoch war mit Blick auf „Daredevil“ und „Jessica Jones“ die Hoffnung gegeben, „Luke Cage“ würde ein einzelner kleiner Fehltritt bleiben und die Serie könnte an vorherige Netflix-Marvel Erfolge anknüpfen. Doch das letztendliche Ergebnis sah niemand kommen.

„Iron Fist“ ist nicht nur die schlechteste der Netflix-Marvelserien, sie ist der insgesamt schlechteste Eintrag ins MCU. Die Marvelgarantie hatte das erste Mal total versagt und nicht einmal ein „gutes“ Endprodukt hervorgebracht. Mit 44 negativen zu 9 positiven Kritiken hält die Serie momentan mit 17% den Negativrekord eines MCU-Projektes auf rottentomatoes.com, und das zurecht. „Iron Fist“ ist geradezu beleidigend langsam und unaufregend, besonders da die Serie einen Mystery/Martial-Arts-Ton anstrebt. Fast alle Kampfsequenzen sehen unecht und offensichtlich durchchoreografiert aus und sind vielfach geschnitten im Versuch, sie irgendwie interessant aussehen zu lassen. Dazu wird „The Hand“ wieder aufgegriffen, wobei sich der serientitelgebende Charakter als auserkorener Vernichter der Geheimorganisation betrachtet. Doch Finn Jones spielt die Rolle nicht als desillusionierten Martial-Arts-Kämpfer in einer fremden Heimat, sondern als weinerlicher Bengel, der nicht aufhören kann, sich darüber zu beschweren, dass ihn niemand ernst nimmt und er nicht hat, was ihm zusteht – ich fühlte mich oftmals an Hayden Christensens Performance als Anakin Skywalker erinnert. Die Story der Staffel bietet wenig Interessantes und konzentriert sich über weite Teile lieber auf anstrengende Anwaltskonfrontationen als auf den mystischen Aspekt. So wird der magische Drache, den Danny Rand besiegen musste, um die Iron Fist zu werden, ebenso wenig gezeigt wie die außerdimensionale, magische Stadt K’un-Lun, in der Danny trainierte. Dazu sind die meisten Antagonisten nur anstrengend anzusehen, obwohl sie teilweise mit gestandenen Schauspielern wie David Wenham (Faramir in „Der Herr der Ringe“) besetzt wurden.

Zu den wenigen positiven Elementen zählt Jessica Henwicks Colleen Wing, die eigentlich Dannys Sidekick darstellt. Ihr Nebenhandlungsstrang wurde für mich aber schnell der einzige Grund zum weiterschauen. Ich freue mich mehr darauf, sie mit den anderen Defenders zu sehen als Danny Rand. Auch die in „Daredevil“ eingeführte Antagonistin Madame Gao stahl jede ihrer Szenen. Alles in allem konnte die Serie mit vielleicht 2 ½ wirklich interessant anzusehenden Martial-Arts-Sequenzen aufwarten. Keine gute Quote für eine Serie dieser Art.

Am Ende war „Iron Fist“ ein Reinfall, der durch ein schlechtes Skript, vielfach unüberzeugendes Schauspiel und vor allem eine miserable Inszenierung von Anfang an Probleme hatte, die im Verlauf der Serie auch nicht mehr ausgebessert werden konnten. Besonders schwer wiegt dieser Fehltritt, da die Serie die letzte vor den „Defenders“ war.

Defenders Assemble?

Wo stehen wir nun also? Die vier Serien der vier Helden sind veröffentlicht, in „Daredevils“ Fall sogar schon mit einer zweiten Staffel und einem bestellten „Punisher“-Spin-Off, und der erste Trailer zum „The Defenders“-Special ist ebenfalls zu sehen.

Doch statt bestärkt und voller Erwartungen in „The Defenders“ gehen zu können, gibt es legitimen Grund, besorgt zu sein. Um das klarzustellen: Ich freue mich sehr darauf, diese Charaktere zusammen interagieren zu sehen. Aber die vier Serien waren sehr inkonsistent in ihrer Qualität – zwei sehr überzeugend und zwei fragwürdig bis schwer enttäuschend. Nun ist mir einer der Hauptcharaktere sehr unsympathisch und fern und die Sorge macht sich breit, er könnte die Interaktionen des gesamten Teams negativ beeinflussen, statt sie zu bereichern. Beruhigend ist da die Nachricht, dass die Serie durch die beiden Show-Runner der besten „Daredevil“-Staffel inszeniert wird. Sie haben sich als geschickt im Umgang mit unterschiedlichen Charakteren wie Daredevil, dem Punisher und Elektra gezeigt. In sofern händeln sie möglicherweise besonders Finn Jones Iron Fist glücklicher als die Verantwortlichen seiner Soloserie. Die Interaktion der vier sehr unterschiedlichen Helden könnte also nach wie vor sehr sehenswert werden. Und auch, wenn der erste Trailer mir eben genau das verspricht, lässt er mich immer noch skeptisch gegenüber Jones Figur sein. Aber es wird wohl wenigstens eine Reihe guter Folgen nötig sein, um meine Skepsis zu vertreiben.

Doch was verbindet Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Danny Rand überhaupt? Wie der Trailer offenbart, werden sich die vier unter der Leitung des in „Daredevil“ etablierten Stick zusammenschließen, um gegen „The Hand“ vorzugehen, die Elektra – eventuell als Waffe – in ihrem Besitz haben. Und an dieser Stelle setzt sich meine Skepsis fort. Wurde die Organisation der „Hand“ zwar in „Daredevil“ und „Iron Fist“ etabliert, wirkt sie doch Welten von „Luke Cage“ und „Jessica Jones“ entfernt, die sich schon aufgrund ihres ganz eigenen Tons mit anderen Problemen befassten. Und können Jessica Jones und Luke Cage überhaupt in der Art und Weise auftreten, wie man sie in ihren eigenen Serien kennengelernt hat, wenn man sich auf einen mystischen Ton für das Special geeinigt haben sollte? Kann man die mystischen Aspekte wie Drachen oder andere Dimensionen überhaupt überzeugend mit Serienwelten kombinieren, die sich vornehmlich mit afroamerikanischer Kultur oder Vergewaltigung auseinandersetzen?

Die Antwort auf die diese Fragen werden wir ab dem 18. August erfahren.

Erwartungen zurückschrauben! …oder nicht?

Aber um einmal eine etwas positivere Sichtweise darzustellen sei gesagt:

Marvel ist eine ähnlich verrückt scheinende Kombination schon einmal geglückt. Schließlich konnte „The Avengers“ schlüssig erklären, wie Iron Man, Captain America, Hulk und Thor in ein und derselben Welt spielen konnten. Und auch, wenn Kevin Feige nicht in den Serienprojekten involviert ist, kann man doch davon ausgehen, dass Perlmutter bei den Kinofilmkollegen gelernt hat oder zumindest abguckt, wie eine solche Fusion gelingen kann. Und dazu gibt es durchaus verbindendes Gewebe der unterschiedlichen Serien. Zum einen wäre da die Action, von der es ja schon im Trailer eine ordentliche Portion zu sehen gibt. Denn so unterschiedlich die verschiedenen Serien in ihrem Ton sind – sie alle stützen sich mal mehr, mal weniger auf Actionsequenzen, die die individuellen Kräfte der Helden zum Vorschein bringen. Und da die Show-Runner der Marvelserie mit der am konsequentesten und kreativsten inszenierten Action („Daredevil“ Season 2) auch bei den „Defenders“ das Ruder übernehmen, lässt sich beruhigter auf das Crossover blicken. Dazu stimmte sie Story in „Daredevils“ zweiter Staffel, was wiederum Grund zur Hoffnung gibt.

Gerade storytechnisch wurde die Zusammenkunft der „streetlevel“ Helden schon vorbereitet. Am offensichtlichsten ist Rosario Dawsons großartige Claire Temple, die als Night Nurse in jeder der Solo-Serien aufgetaucht ist, alle vier Protagonisten kennt und im Special sicher eine verbindende Rolle einnehmen wird. Ebenso konnten einige der Sidekicks und Nebencharaktere (Foggy Nelson, Jeri Hogarth) schon in die Welt einer anderen Figur hineinschauen. Und auch der große Gegenspieler des Crossovers, „The Hand“, wurde bereits in zwei Serien eingeführt und vorbereitet. Gerade mit Daredevils enger Verbindung zu Elektra und Iron Fists Hass auf die „Hand“ dürfte einiges Drama vorprogrammiert sein.

Dazu sendet die Verpflichtung der legendären Sigourney Weaver als Gegenspielerin der „Defenders“ ein sehr positives Signal. Ich für meinen Teil kann es kaum erwarten, zu sehen, welchen diabolischen Plan sie verfolgen wird, wobei mir die kreativen Köpfe hinter dem Special erneut Anlass zur Annahme geben, dass die Antagonistin ebenso gut inszeniert und genutzt wird wie schon bei „Daredevil“. Und abschließend ist es auch die strukturelle Organisation des Crossovers, die Grund zum Aufatmen gibt: Mit nur acht Folgen ist die Serie ganze fünf Folgen kürzer als ihre Vorgänger. Die Gefahr, sich in Nebenhandlungen zu verrennen oder gewisse Passagen zu lang zu ziehen, erscheint damit deutlich geringer. Im Idealfall bekommen wir acht straff inszenierte Folgen, die das Potential der vier Helden voll auskosten und die Stärken jeder einzelnen Serie kombinieren.

„The Defenders“ kommt!

„The Defenders“ hat die Möglichkeit, das wirklich zufriedenstellende Finale einer lang vorbereiteten Heldenzusammenkunft zu sein. Die Show-Runner der besten „Daredevil“-Staffel übernehmen ein weiteres Mal die Verantwortung und die Chancen stehen gut, dass sie ihre Fähigkeiten zu Gunsten aller Helden einsetzen und aus den offensichtlichen Fehlern von „Luke Cage“ und „Iron Fist“ gelernt haben. Sigourney Weaver wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine weitere fesselnde Antagonistin abliefern und die Kürze des Crossovers lässt auf Filler-freie Unterhaltung hoffen. Dazu signalisierte der erste Trailer bereits, dass man das erste Aufeinandertreffen all dieser Helden ebenso spannend und witzig aufziehen wird, wie man es sich als Fan nur wünschen kann.

Auf der anderen Seite wäre ich natürlich wesentlich optimistischer, wenn alle vier Serien Smash-Hits gewesen wären und mir vor der Zusammenkunft alle Helden sympathisch wären. Auch bleibt die Frage, wie viele Abstriche die einzelnen Charaktere vertragen, ohne ihre essentiellen Charakterzüge und -antriebe zu verlieren. Es wäre schade, wenn alle vier Protagonisten nur noch prügelnde Schatten der Figuren wären, die sie in ihren Soloserien einmal waren.

Es gibt ebenso Grund optimistisch zu sein, wie es Grund zur Besorgnis gibt. Es kommt wahrscheinlich auf die eigene Einstellung gegenüber den Soloserien an. Ich merke zwar, dass die letzten zwei missglückten Serien durchaus Skepsis in mir hervorgerufen haben, ich aber nach wie vor mit Vorfreude auf das lang erwartete Treffen von Daredevil, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist schaue. Das hat mir besonders der erste Trailer noch einmal vor Augen geführt.

„The Defenders“ mit Charlie Cox, Krysten Ritter, Mike Colter, Finn Jones, Sigourney Weaver und vielen weiteren Schauspielern der bisherigen Netflix-Marvelserien wird am 18. August 2017 auf Netflix veröffentlicht und beinhaltet acht Folgen.

Seid ihr freudig gespannt oder eher besorgt, was das TV-Heldenspecial des MCUs angeht? Schreibt es uns in die Kommentare!

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